Ein Feuerwerk fürs Klima

Also eins mal schnell vorneweg: Mir hat das ja gefallen, muss ich ehrlich zugeben. Ich war dieses Silvester wirklich froh. Nicht darüber, dass dieses 2020 endlich vorbei ist. Ist ja auch Quatsch, denn was kann schon das Jahr für all das Leid und die Beschränkungen? Und: das hört ja auch nicht auf mit dem Jahreswechsel, dieser Corona-Spuk. Der geht weiter. Erstmal, bis der Stoff der Hoffnung ausreichend produziert und verimpft sein wird. Nein, ich meine etwas anderes. Vielleicht haben Sie es ja auch gespürt rund um Mitternacht. Es war weniger los am Himmel über unseren Köpfen. Es gab Raketen, aber deutlich weniger als sonst. Und auch deutlich weniger Böller. Aber es war ausreichend, und das hat mir gefallen. Es war „genug“, um dieses schöne Wort zu verwenden, das ja in unserem hektischen und vom Konsum geprägten Leben oft in der Ecke stehen musste, mit Eselkappe. Genug ist nicht genug, sang Konstantin Wecker vor einigen Jahren aber in diesem Fall stimmt das nicht. Vielleicht ist Genügsamkeit ja nicht nur eine Tugend sondern auch Teil des neuen Denkens, das uns die Zukunft für unsere Kinder retten hilft. Anregungen hierzu liefert auch eins der spannendsten Bücher des vergangenen Jahres: „Unsere Welt neu denken“, geschrieben von der Ökonomin Maja Göpel.

Doch zurück zum Jahreswechsel. Ich hab mich gefreut über die Raketen, die am Himmel das neue Jahr begrüßten. Dafür war ich als Einziger in der Familie wach geblieben. Aber als es nach 15 Minuten immer weniger wurde da hat mir das ausgereicht und ich hab mir gedacht: So könnte das doch jedes Jahr sein. Wird es aber natürlich nicht. Weil es dieses Ausnahme-Jahresende so hoffentlich so schnell nicht wieder geben wird. Aber dass der Böllerverkauf und auch der Gebrauch so stark eingeschränkt worden war das hatte für mich genau die richtige Wirkung. Dabei ging es ursprünglich gar nicht darum. Sondern um ein anderes Ziel, das ja auch wurde erreicht. Egal ob in Berlin, Nordrhein-Westfahlen oder Norddeutschland: Der Jahreswechsel verlief nicht nur ruhiger in Deutschland sondern es gab auch weniger Verletzte als sonst. Und damit eine gewisse Entlastung der Krankenhäuser, am Ende eines Jahres, das für Ärzte, Pfleger und alle anderen, die in Kliniken ihren Dienst tun, vielleicht das anstrengendste Jahr seit Jahrzehnten war. Corona. Der Spuk hält an.

Und während ich diese Kolumne schreibe kommen Meldungen rein, die auch mit dem Virus und seinen Konsequenzen für unser Leben zu tun haben. Deutschland erreicht doch tatsächlich noch sein längst abgeschriebenes Klimaziel für 2020! 40 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen als 1990 – wer diesen Wunsch noch im Frühling geäußert hätte wäre wohl milde belächelt worden. Am Ende sieht die Klima-Bilanz sogar noch besser aus als das eigentliche angepeilte Ziel: Denn wir haben unseren CO2-Ausstoß sogar um 42,3 Prozent senken können. Und das liegt laut den Experten der Denkfabrik Agora Energiewende deutlich stärker am kleinen Virus als an einer mutigen und durchdachten Klimapolitik der Großen Koalition: „Den Berechnungen zufolge gingen die Emissionen um über 80 Millionen Tonnen CO2 zurück auf rund 722 Millionen Tonnen. Zwei Drittel dieser Minderung seien aber eine Folge der Corona-Pandemie, ohne sie hätte der Rückgang nur bei etwa 25 Millionen Tonnen gelegen, und das 2020-Ziel wäre verfehlt worden. Ohne das Coronavirus hätte Deutschland der Analyse zufolge seinen CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 37,8 Prozent gemindert.“

Was machen wir aus diesen Zahlen und – viel wichtiger: was macht die Politik daraus? Wird es uns nach dem Ende des Corona-Spuks trotzdem gelingen, auch die nächsten Klimaziele zu erreichen? Oder bleibt es ein kurzes, helles Aufleuchten, dem dann schnell Dunkelheit folgt? Maja Göpel nennt das den „fiesen Montag“. In Ihrem Buch schreibt sie: „Der fiese Montag war für uns der Ausdruck für das Phänomen, das jede und jeder von Ihnen kennt, wenn Sie mit frischem Schwung von einer Veranstaltung oder einem Vortrag kommen, inspiriert und den Kopf voller Ideen, was Sie ab jetzt neu und anders machen können. Und dann finden Sie sich in derselben Organisation mit denselben Zielen, Abläufen, Gesprächen und Konferenzen wieder, und alles ist wie immer.“ Bitte nicht.

Maik Meuser