Winterhelden

Worüber schreiben an diesem Montag – über den Nochpräsidenten in den USA und sein weiter beharrliches Weigern, mit der Realität klar zu kommen? Oder doch über die Corona-Pandemie und darüber, dass Österreich in den Lockdown gegangen ist und in Deutschland heute die Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten darüber beraten will, was und wieviel Deutschland noch nachlegen kann im Kampf gegen das Virus und was die Bevölkerung noch mitträgt oder gar erträgt. Bei allen diesen Themen kommt es am Ende auch auf Sprache an, wie ja natürlich auch in diesem kleinen Blog. OB IN GROSSBUCHSTABEN UND KURZEN WÖRTERN, wie sie der Nochpräsident in den USA gerne in sein Smartphone hämmert, oder um die vorsichtige am Ende aber doch auch wachrüttelnde Sprache der Bundeskanzlerin.

Ich lese meinen drei Kindern im Moment aus einem Buch vor, das ich selbst vor einigen Jahrzehnten mit großem Spaß gelesen habe. Es ist ein Buch über die Macht der Wörter und Sätze. Das Buch stammt von James Krüss und es heißt: Mein Urgroßvater und ich. Es erzählt die Geschichte von zwei Menschen aus völlig verschiedenen Generationen, die sich im besten Sinne des Wortes gut verstehen und sich gemeinsam zurück ziehen, um zu dichten, um Reime zu drechseln. Anfangs waren meine Kinder skeptisch. Das Buch ist alt und sieht auch so aus. Mittlerweile aber hängen sie alle drei, die fast Fünfjährige, der Siebenjährige und auch noch der Zehnjährige links und rechts neben und auf mir und lauschen der Geschichte und den vielen Reimen. Eine Stelle hat bei mir bis heute nachgeschwungen. Es ist die Stelle, als der Urgroßvater seinen Urenkel wecken geht und sie wieder mal über Worte und Gedichte sprechen und der Urgroßvater sagt: „Man muss die Dinge eben erlebt haben, über die man spricht. Sonst sind die Wörter so leer und komisch wie deine Hose und dein Hemd da auf dem Stuhl.“ „Dann sind die Wörter ja Kleider, mit denen man die ganze Welt anzieht, Urgroßvater!“ „Jawohl, Boy, so ungefähr ist es. Ohne Sprache ist die Welt so nackt, wie du jetzt bist. Aber durch die Sprache wird sie so gesittet und ordentlich wie du durch deinen Anzug.“

Mein erster Gedanke heute Morgen beim Vorbereiten dieser Kolumne war: Man kann sich aber auch mit seiner Sprache nackt anziehen, etwa so, wie es der amerikanische Nochpräsident macht. SO SAD. Der zweite Gedanke war: Muss man die Dinge aber wirklich erlebt haben, über die man spricht? Hat der Urgroßvater Recht? Ich bin mir unsicher. Ich glaube, man kann auch über Dinge sprechen, die man nicht erlebt hat. Man kann über die Not der Menschen in Neapel sprechen, die zu dutzenden ihre Angehörigen in privaten Autos vor eine Klinik fahren und darauf warten, dass Ärzte in Schutzanzügen herauskommen und die Corona-Patienten in den Autos durch die Scheiben hindurch mit frischem Sauerstoff aus Druckluftflaschen versorgen, weil in den Kliniken kein Platz mehr ist. Man kann es und man muss es sogar. Die Angst davor, dass es auch bei uns soweit kommen könnte ist berechtigt. Vor diesem Hintergrund wird es interessant sein, was heute in Berlin beschlossen wird. Wie lange wir uns noch mit den Einschränkungen unseres Lebens abfinden müssen und was die wirklich wirksamen Maßnahmen sind, die uns am Ende diese Notzustände ersparen helfen. Auch hier wird es wieder auf die Sprache ankommen.

„Der vor uns liegende Winter wird uns allen noch viel abverlangen“, sagt die Kanzlerin in ihrem Videopodcast. Viele werden in diesem Winter an ihre Belastungsgrenze kommen und das fiese an diesem Virus, es greift das an, was uns stark macht: Den Zusammenhalt, das Zusammenhalten, das sich in den Arm nehmen, trösten und stärken. Es wird ein besonders dunkler Winter und wir alle sind für das Licht verantwortlich. Wer oder was ist eigentlich ein Held? Darum geht es, neben der Freude an der Sprache, im Buch von James Krüss. Und bestimmt auch bei uns. Wir alle müssen Winterhelden sein.

 

Maik Meuser