Character matters
Auf den Charakter kommt es.
Das ist der Satz, der mir nach der Wahl Joe Bidens zum 46. US-Präsidenten am stärksten im Kopf hängen geblieben ist. Es war kein Satz aus der wirklich tollen Sieges-Rede des Demokraten, auch nicht aus der ebenso gelungenen Rede seiner Stellvertreterin Kamala Harris, auf der viele Hoffnungen ruhen. Nein, der Satz stammt von Van Jones, einem Kommentator bei CNN, der kurz nachdem um 17:27 unserer Uhrzeit der Sender den Sieg Joe Bidens ausgerufen hat, gefragt wurde, wie wichtig diese Entwicklung sei. Van Jones fing kurz danach an zu schluchzen und konnte sein Weinen kaum noch unterdrücken. Es waren Tränen der Erleichterung in die er eine Botschaft steckte, die mich direkt gepackt hat: „Es ist leichter ein Vater zu sein, an diesem Morgen. Es ist leichter, seinen Kindern zu sagen: Es kommt auf den Charakter an. Die Wahrheit zu sagen ist wichtig! Ein guter Mensch zu sein ist wichtig!“
Ich muss zugeben, ich bekam Gänsehaut, und bekomme sie beim Schreiben wieder. Etwas später sagt er noch, dass unter Trump Menschen Aufwind bekommen haben, die sich früher nicht gewagt hatten, ihren Rassismus öffentlich zu zeigen. „Und diese Menschen werden immer widerlicher und widerlicher zu Dir, und Du machst Dir Sorgen um deine Kinder.“ Auf den Charakter kommt es an, auch auf den Charakter eines Landes, sagt Jones. Und zu seinen Kindern: „Schaut euch das an! Es ist einfacher zu schummeln und damit durchzukommen. Aber irgendwann kommt das zurück zu Euch.“ Ich hörte ihm zu und dachte nur: Ja. Ja. Ja. Genau.
Ich will auch, dass meine Kinder genau das lernen. Dass sie Verantwortung übernehmen für ihr Handeln. Dass sie nicht lügen, auch wenn sie Fehler gemacht haben. Ich will, dass sie gute Menschen werden. Und ich will alles dafür tun, ihnen dabei zu helfen. Ihnen zu erklären, was gut und was schlecht ist, warum Rassismus zu nichts Gutem führt und auch, was in diesem Land passiert ist, vor mehr als 80 Jahren.
Heute ist der 9. November. Vor 82 Jahren zogen Menschen durch dieses Land und schlugen Glasscheiben von jüdischen Geschäften zu Bruch, terrorisierten Erwachsene und Kinder, steckten Synagogen in Brand und wurden daran nicht gehindert. Teilweise schaute die Feuerwehr zu, wie jüdische Gotteshäuser abbrannten. Es war der Auftakt für ein jahrelang wütendes Feuer, in dem am Ende mehr als 6 Millionen Menschen umkamen. Daran zu erinnern, meine Kinder daran heranzuführen, vorsichtig, sie sind noch klein, das ist mir wichtig.
Heute Morgen war ich alleine unterwegs. Kurz vor der Arbeit hab ich mir Scheuermilch geschnappt und einen Schwamm und bin in die Fußgängerzone gegangen, um ein paar Stolpersteine zu putzen. Auf dem Weg dorthin fing es an zu regnen und ich dachte für einen kleinen Moment daran, doch direkt auf die Arbeit zu fahren. Ich habe mich dagegen entschieden und als ich das Auto parkte hörte der Regen auf. Ich habe die Steine gefunden, die ich zuletzt vor zwei Jahren blank poliert habe, denn vergangenes Jahr war ich am 9.11. in Berlin und habe mit meinen Patenkindern Stolpersteine in Kreuzberg geputzt. Sie sind schon älter als meine Jungs. Die Steine in unserer Fußgängerzone hatte scheinbar keiner geputzt, denn ich musste ordentlich schrubben heute früh. Bei aller Mühe den Blick dabei auf die Schicksals-Daten der Familie Dahl zu richten oder der Familie Herz, zwei Familien, neun Menschen, von denen nur drei den Nazi-Terror überlebt haben, die anderen deportiert, erschossen, ermordet – das ist ein gutes Charakter-Training. Im kommenden Jahr will ich das gemeinsam mit meinen Jungs machen.
Character matters.