November Pain

Keine Frage: Er ist das Schmuddelkind unter den Monaten, der, mit dem kaum einer spielen will: November. Regen, keine Rosen mehr. Vorbei der goldene Oktober, noch nicht da der Weihnachtsmonat Dezember mit seinen gemütlichen Kerzenlichtern. Schmuddelwetter, Dunkelheit – der Lichtmangel kann dazu führen, dass die Zirbeldrüse im Zwischengehirn mehr Melatonin ausschüttet, das Schlafhormon. Das macht müde und schlapp und kann bei manchen Menschen auch zu Depressionen führen. „Die Grenzen zwischen einer Winterdepression – einer echten Erkrankung – und einer gedrückten Stimmung sind fließend“, sagt sagt Jürgen Zulley, Psychologe und Schlafforscher an der Universität Regensburg. (Tipps um gegen die Winterdepression vorzugehen gibt’s übrigens hier.)

Für viele ist das also alles schon schlimm genug. Aber 2020 wäre nicht 2020 wenn es nicht noch einen drauf setzen könnte. Die Bundesregierung und die Landesregierungen haben die Corona-Bremse gezogen, sie gilt seit diesem Montag. Vier Wochen lang müssen wir uns, jetzt schon etwas weniger freiwillig, beschränken, was die Kontakte angeht. Angesichts des exponentiellen Wachstums bei den Neuansteckungen sahen die entscheidenden Politiker keine andere Möglichkeit. Irgendwie haben viele die Pandemie nicht mehr ganz so ernst genommen, nach einem Sommer der trotz Seuche aber eben nach einer überstandenen ersten Welle irgendwie doppelt so einladend war, wie sonst. Die Gefahr wirkte weit weg. Auch als die Zahlen wieder anstiegen. Schneller, von Woche zu Woche. Das Problem mit exponentiellem Wachstum: Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, es zu verstehen.

Das musste der Legende nach schon der mächtige indische Herrscher Shihram erkennen, der im dritten oder vierten Jahrhundert gelebt haben soll. Aus Dank für die Erfindung eines Spiels, in dem der König nur mit Hilfe anderer Figuren gewinnen konnte (Schach), und das den tyrannischen Herrscher milde stimmen sollte - was es übrigens auch tat, sollte der Erfinder, der Brahmane Sissa, einen Wunsch frei haben. Sissa wünschte sich Reiskörner, die mit dem Schachbrett berechnet werden sollten. Auf das erste Feld ein Korn, und auf jedes weitere der 64 Felder jeweils das Doppelte. Der König gewährte ihm den Wunsch, obwohl er sich anfangs über die falsche Bescheidenheit Sissas geärgert haben soll, nur um dann nach einigen Tagen zu merken, dass sein mächtiges Reich den Wunsch nicht erfüllen konnte. Denn es war nicht möglich die geforderten 18,45 Trillionen Reiskörner zusammen zu bekommen. Ganz abgesehen davon, dass es sich dabei um ein Gewicht von etwa 540 Milliarden Tonnen handeln würde. Dafür wären bei einer heutigen weltweiten Ernte fast 900 Jahre nötig…

Es fällt uns schwer, dieses Wachstum zu begreifen, weil unser Hirn linear denkt. Das kann nützlich sein, etwa in der Steinzeit, wenn man Tiere jagt und ihre Geschwindigkeit abschätzen will, um sie zu fangen. Für den Umgang mit einem Virus, dass die Größe von 160 Nanometern hat, also nur 0,00016 Millimeter, ist es weniger hilfreich. Zumindest, wenn man sich nicht die Mühe gibt, exponentielles Wachstum trotz aller linearen Denkweise verstehen zu wollen. Ein wichtiger Faktor für diese Art von Wachstum ist die Verdopplungszeit. Sie wurde mit dem immer schnelleren Anstieg immer wichtiger. In den letzten Wochen lag sie bei etwa einer Woche. Eine Woche brauchte das Sars-Cov-2-Virus also, um sich in Deutschland zu verdoppeln. Aber man kann dieses Wachstum bremsen. Das müssen wir alle in den kommenden vier Wochen versuchen, so schwer es gerade im November fällt. Ein kleines Licht in dieser Virus-Dunkelheit leuchtet aber bereits schon jetzt: Die Verdopplungszeit ist wieder gewachsen, was gut für uns ist, denn im Moment liegt sie wieder bei 12 Tagen, so hoch wie seit zwei Wochen nicht mehr.

 

Maik Meuser