Verordnete Freiwilligkeit
Was für eine Woche liegt hinter uns, und was wird in dieser Woche noch kommen? Selbst die Bundeskanzlerin dürfte überrascht worden sein. Für Weihnachten hatte sie 19.200 Neuinfektionen am Tag befürchtet und versucht, die Bevölkerung wach zu rütteln. Viel fehlt allerdings schon jetzt nicht mehr: in der vergangenen Woche jedenfalls hat das Virus in Deutschland zum ersten Mal die 10.000 Neuinfektionen übersprungen und ist seitdem beharrlich weiter geklettert auf mehr als 14.000 Neuinfektionen am Samstag und wieder 11.176 am Sonntag. Für mich als Moderator von RTL Aktuell in der vergangenen Woche wurde Corona mal wieder zum alles überragenden Thema und führte am Donnerstag auch zu einer langen Sondersendung. Die Nervosität in Berlin wächst mit den steigenden Zahlen. Denn nicht nur die Zahl der Neuinfektionen wächst, auch die Anzahl der Todesfälle und die Anzahl der Kreise, die über dem Inzidenzwert von 50 neuen Fällen pro 100.000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage liegt. An diesem Montag sind das schon 274 Landkreise oder anders gesagt: 78 Prozent der Bevölkerung lebt mittlerweile in einem Risikogebiet. Die Kanzlerin befürchtet nicht umsonst einen Kontrollverlust.
1296 Menschen befinden sich wegen COVID-19 im Moment in intensivmedizinischer Versorgung (die Hälfte muss übrigens künstlich beatmet werden). Letzten Montag waren es mit 769 nur etwas mehr als halb so viel. Auch dieses virusbedingte Wachstum beschleunigt sich in diesen Tagen mit fast schon atemberaubender Geschwindigkeit. Allerdings: Deutschlandweit stehen insgesamt 30.000 Intensivbetten zur Verfügung, nicht nur für COVID-Patienten – ihr Anteil macht im Moment etwa 3 Prozent aus. Wir stehen im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn gut da – Belgien musste am Wochenende erste Corona-Patienten nach Deutschland bringen – aber die Entwicklung ist es, die vielen Sorge bereitet.
Bundesregierung und die Chef*innen der Länder werden von dieser Entwicklung getrieben. Keiner will einen neuen Lockdown und doch fällt das Wort immer öfter. Und das liegt auch daran, dass immer öfter bezweifelt wird, dass die Bevölkerung mit den bisherigen Maßnahmen genug erreicht im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus. „Verordnete Freiwilligkeit“ nennen das die Kollegen der Neuen Zürcher Zeitung und das trifft es ganz gut. Diese Woche wird zeigen, ob es so weiter gehen kann und wird. Ich fürchte es wird sich einiges ändern, wenn sich am Mittwoch die Länderchef*innen treffen.