Satte Gesellschaft – von Biotonnen und Backblechen
Was sind uns eigentlich unsere Lebensmittel wert? Darüber habe ich viel nachgedacht in der vergangenen Woche, nachdem ich vier Stunden mit der Bio-Müllabfuhr durch Potsdam-Babelsberg gefahren bin und einen Morgen vier Stunden in einer Backstube gestanden habe. Beides Mal habe ich tolle Typen kennen gelernt. Müllwerker Rico und Bäckermeister Hardy. Unterschiedlicher könnten die beiden kaum sein, vom Erscheinungstyp wie auch von ihrer Arbeit. Der eine extrovertiert und sprudelnd wie ein Mineralbrunnen, der andere fast schon unscheinbar und eher zurückhaltend, der eine backt unfassbar tolles und leckeres Brot, der andere sammelt im Villenviertel die weggeschmissen Lebensmittel weg. Was beide eint: Sie ärgern sich darüber, dass in Deutschland so viel Essen weggeschmissen wird. Und das kann ich gut verstehen. Es geht mir ganz genauso. Sein ein paar Monaten beschäftige ich mich intensiver mit diesem Thema, und das hat mich in der vergangenen Woche zu den beiden geführt, wofür ich sehr dankbar bin. Ich hab mich viel ausgetauscht mit beiden, bin stundenweise in ihre Lebenswelten eingetaucht und habe die Welt mal wieder aus einer neuen Perspektive betrachten können. Das liebe ich an meinem Job! Bei unseren Gesprächen waren wir uns alle einig: In Deutschland werden die Lebensmittel nicht mehr ausreichend geschätzt. Weil sie zu billig sind und weil es ein Überangebot gibt, das zum Kaufen verführt, auch wenn man vielleicht eigentlich gerade nichts braucht. Warum schaffen es die Franzosen durchschnittlich pro Kopf und Jahr „nur“ 30 Kilogramm Lebensmittel wegzuwerfen und wir landen am Ende bei 83 Kilogramm? Angesichts des Hungers in der Welt können wir so nicht weiter machen, sagt Müllwerker Rico, der selbst mal als Käsehersteller gearbeitet hat. Nur leider geht das jetzt schon so seit vielen Jahrzehnten. Wer Brot wegschmeißt oder vielleicht sogar in Biogasanlagen verbrennt hat nichts verstanden ärgert sich auch Bäcker Hardy Kunze. Bei ihm wird außer dem Rand des Blechkuchens fast nichts weggeschmissen. Weil er seine Kundschaft kennt, weil die Regale in seinem Geschäft am Nachmittag oft schon leer sind. Und das ist doch gut so, sagt er, gibt ja am nächsten Morgen neues, frisches Brot. Warum müssen eigentlich in manchen Bäckereien auch noch am Abend die Regale prall gefüllt sein? Um uns Verbrauchern zu suggerieren: Bei uns seid ihr richtig, hier habt ihr die Auswahl? Und dann, was passiert mit all dem überflüssigen Brot nach Ladenschluss – am nächsten Morgen will doch jeder Kunde das, was Bäckermeister Hardy Kunze verspricht: Frisches, duftendes Brot. Sind also am Ende doch wir Verbraucher Schuld an Überfluss und Lebensmittelverschwendung? Oder fehlt es an Regeln der Politik, um dem ganzen Einhalt zu gebieten? Früher war das nicht so, sagt auch Hardys Mutter, die mit über 70 immer noch jeden Morgen schon ganz früh im Laden steht und die Kunden ermahnt, wenn sie keinen Brötchenbeutel mitgebraucht haben. „Aber ihr im Westen wart ja schon immer viel verschwenderischer“, sagt sie dann zu mir mit einem verschmitztem Lächeln, und hat ein bisschen Recht damit. Nur dass es heute ja bundesweit so aussieht…