Interview mit einem Unsichtbaren

Ich habe diese Woche viel moderiert, am Donnerstag war ich vorher aber noch auf Dreh. Und da habe ich einen Unsichtbaren getroffen. Sein Schicksal hat mich berührt. Adam ist ein rumänischer Erntehelfer, einer von denen die sich für uns den Buckel krumm schaffen, teilweise unter schlimmen Bedingungen und zu Löhnen, die kaum ein Deutscher akzeptieren würde. Die Kollegen vom Spiegel haben im Juli einen Artikel über die Erntehelfer geschrieben – „Das brutale Geschäft mit den Unsichtbaren“. Und der Begriff passt. Denn obwohl sie mitten unter uns sind, interessiert sich kaum einer für sie. Man sieht sie auf den Feldern, wenn sie Erdbeeren pflücken oder Spargel stechen. Aber das war’s. Untergebracht sind sie oft außerhalb von Ortschaften, sie sollen unsichtbar bleiben, schreiben die Kollegen. Dann braucht auch keiner ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er im Supermarkt günstige Erdbeeren kauft.

Zurück zu Adam und seiner Geschichte. Er ist 63 Jahre alt und hat seit mehr als fünf Jahren in Deutschland gearbeitet. Zum Schluss immer für den gleichen Obstbauern. Jedes Jahr wurde sein Vertrag verlängert. Überstunden und Arbeit an Wochenende waren üblich, wurden aber selten extra vergütet. Für Adam, den gelernten Bauarbeiter, war das ok. Er konnte seine Familie in Rumänien damit ernähren. Dort wäre er arbeitslos gewesen. Doch dann verletzt sich Adam und kann nicht mehr arbeiten. Er wird auf die Straße gesetzt, weil er gerade wieder in der Probezeit war. Den Vertrag, den er unterschrieben hatte, hatte er gar nicht richtig verstanden. Er war froh und dankbar in Deutschland Arbeit gefunden zu haben. Da stellt man keine Forderungen. Mittlerweile ist er obdachlos, hatte gerade zwei Operationen und lebt in einer Übernachtungseinrichtung der Stadt Neuss für Wohnungslose Männer. Zum Interview hat er alles, was ihm wichtig war in seinen Rucksack gepackt und sich mit seiner Gehilfe nach draußen gequält. Lieber nichts drinnen lassen, wer weiß, ob nachher noch alles da sein wird. Adams linker Fuß ist angeschwollen, er kommt nur langsam voran. Das Antibiotikum wirkt irgendwie nicht richtig. Da wir drinnen nicht drehen dürfen muss er aber leider raus zu uns. Adam erzählt mir seine Geschichte und als ich ihn frage, wie es denn jetzt für ihn weitergehen soll, was er sich wünscht, da fängt er an zu heulen. Die Übersetzerin sagt, er würde gerne seine Familie holen und weiter in Deutschland arbeiten. Doch danach sieht es im Moment nicht aus, so ohne Arbeit.

Nach dem Interview steige ich in mein Auto und fühle mich so schlecht wie lange nicht. Kann es sein, dass Armut in Deutschland systematisch ausgenutzt wird und dass wir als Verbraucher daran mitschuldig sind? Und können wir uns das als Gesellschaft wirklich leisten – damit Spargel, Erdbeeren und Äpfel möglichst billig sind?

Maik Meuser