Der kleine Pavel, der Todesmarsch und die Befreiung von Auschwitz

11 Jahre.

Ein Kind war Pavel Taussig, als er den Völkermord der Nazis erleben musste. Und überlebte. Er war so alt wie mein jüngerer Sohn heute. Unvorstellbar. Bei diesem Gedanken greift ein kalte Hand nach meinem Herz und mein Magen zieht sich zusammen. Der kleine Pavel hat sich nicht mit anderen Jungs beim Handball gemessen oder zuhause auf dem Sofa gemütlich mit dem Kater gekuschelt, er hat in diesem Alter mehrere Todesmärsche überstanden und mehrere Konzentrationslager.

Am 3. November 1944 wird seine Familie in Bratislava verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Das Vernichtungslager, das eine Million Menschen nicht überlebt haben. Auschwitz - die Todesfabrik.

Der menschgemachte Horror.

Kurz vor seinem elften Geburtstag kommt er dort an, wird brutal von seinen Eltern getrennt und verliert jeden Kontakt zu ihnen. Erst Wochen nach der Befreiung des Lagers, die heute vor genau 80 Jahren gelang, sieht er sie wieder. Weil auch sie überlebt haben. 

Der kleine Pavel war nach Auschwitz noch im KZ Mauthausen, im Außenlager Melk, dann wieder in Mauthausen und am Ende im Außenlager Gunskirchen, wo er am 4. Mai 1945 befreit wird. Zu diesem Zeitpunkt ist er ein halbverhungertes und schwerkrankes Kind. Eine lebensbedrohliche Tuberkulose kann zum Glück behandelt werden. Mehrere Monate ist er in verschiedenen Krankenhäusern in Behandlung. Erst danach trifft er Mutter und Vater wieder. Bis dahin war er allein. Lange Jahre hat er nicht darüber sprechen können. Erst in den 2010er Jahren gängt er an, darüber zu sprechen.

Ich habe den Todesmarsch überlebt - Erinnerungen und Tagebuch eines Elfjährigen” heißt das Buch, in dem man einiges davon lesen kann. Es ist 2022 erschienen. 

Ich habe mich erst heute mit Pavel Taussig auseinandergesetzt. Weil er als Zeitzeuge bei der Gedenkfeier in Auschwitz war und meinen Kollegen vor Ort einige Fragen beantwortet hat, als einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen, die heute den Weg nach Polen auf sich genommen haben. Zurück an den Ort des Grauens. Für einige von Ihnen könnte es das letzte große Gedenken sein. 

“Erinnere dich!” 

Piotr Cwinski, der Leiter des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, hat neben dem Dank für die erschienenen Überlebenden diese Aufforderung in den Mittelpunkt seiner Rede gestellt. Erinnern. Nie vergessen! 

Den Holocaust, die Shoa.

Während ich das schreibe schaue ich in die Gesichter der Holocaust-Überlebenden, die heute vor Ort sind. Wie sie gestützt von jungen Menschen Kerzen abstellen im Lager. Worüber denken Sie nach, was geht in Ihnen vor, jetzt an diesem Ort, der nur sehr schwer zu begreifen ist. Es ist kaum zu ertragen, das mit anzusehen.

Auschwitz ist der bekannteste und wahrscheinlich auch der schlimmste Ort, aber es gab viel zu viele weitere: Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Groß-Rosen, Gusen, Kauen, Majdanek-Lublin, Mauthausen, Neuengamme, Sachsenhausen, Stutthof, Sobibor, Warschau (...) Fast 6 Millionen systematisch ermordete Jüdinnen und Juden, bis zu 500.000 ermordete Sinti und Roma und 200.000 - 300.000 beeinträchtigte und kranke Menschen, denen im Rahmen der Euthanasie-Morde das Leben genommen wurde, weil Nazis entschieden hatten, dass es sich bei diesem Menschen um unwertes Leben handelt. 

Es ist unglaublich schwer, mit den eigenen Kindern darüber zu sprechen. Worte zu finden für den Horror, die die kleinen Seelen nicht zu sehr verletzen. Aber es ist wichtig. 

Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Jewish Claims Conference. Von den 18 bis 29-Jährigen Befragten wussten 40 Prozent nicht, dass es etwa sechs Millionen Juden waren. Und zwölf Prozent, etwa jede oder jeder Zehnte gab an, der Begriff Holocaust sei unbekannt. 

Das heute zu lesen ist mehr als nur erschreckend.  

Nie wieder ist jetzt.

Maik Meuser