Van Bo, Micha und das Not-Hotel
Es ist kalt in Berlin am Abend des 6. Januar. Der Wind zieht durch die Kreuzberger Yorckstrasse. Ich stehe mit meinem Kamerateam vor einem kleinen Pickup-Auto, auf dessen Ladefläche das kleinste Haus Berlins steht. Zweieinhalb Quadratmeter aber darin Küche, Toilette, Spüle, Herd, Esstisch, Gasheizung und zwei Schlafmöglichkeiten. Das Not-Hotel des Berliner Architekten Van Bo le-Mentzel ist ein sogenanntes Tiny Haus und es ist gerade im Berliner Winter eine sehr gute Möglichkeit für Obdachlose eine warme und sichere Nacht zu verbringen. Ein Parkplatz, ein Auto mit einem Mini-Haus huckepack und fertig ist eine kleine Lösung für ein großes Problem – perfekt für meine Reportageserie „einfach machen“, mit der ich kleine Geschichten des Gelingens erzählen will.
Wie die vom Not-Hotel. Check-In um 19:00, Check-out am nächsten Morgen um 9:00. Der Architekt oder einer der 5 ehrenamtlich Helfenden reinigen es dann, damit es am Tag als Auto und Büro genutzt werden kann. Jeder Gast soll sich hier wohl fühlen.
Jetzt warten wir auf Oliver, der sich für heute Abend angemeldet hatte und bereit war, uns ein paar Fragen zu beantworten. Aber er kommt nicht. Stattdessen steht auf einmal Micha da, ein kleiner schmächtiger Mann mit Vollbart und einer blauen Outdoorjacke. Er fragt, ob heute noch frei ist, im Not-Hotel. Seit 15 Jahren lebt der Pole auf der Straße, nachdem die Ehe mit einer deutschen Frau in die Brüche gegangen ist und sein Leben eine „180-Grad-Wende“ genommen habe, wie er zerknirscht sagt. Micha ist bereit mit uns zu drehen. Heute Abend und auch morgen früh, wenn er dann noch da sein sollte, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Van Bo kennt ihn schon, ein Stammgast, einer, der immer alles besonders ordentlich hinterlässt. Ich begleite Micha zum Supermarkt um die Ecke, wo er sich noch etwas zum Essen holen will, eine Soße für die Nudeln, die ihm Van Bo mitgebracht hat.
Ich will Micha einladen, aber er lehnt ab. Er habe Geld und brauche ja nicht viel. Mit Pfandsammeln und der Bahnhofsmission komme er über die Runden. „Ich muss selbst in meinen Schuhen laufen“, sagt er und lächelt mich an. Im Supermarkt bemerke ich die Blicke der anderen Kunden und frage mich, wie ich reagiert hätte, wäre ich jetzt nicht beruflich mit ihm hier. Der Gedanke hinterlässt ein komisches Gefühl. Während Micha ein Glas Bolognese, eine Packung Zucker, eine Sprite und einen Pfandbon auf das Einkaufsband an der Kasse legt biete ich ihm noch einmal an, ihn sehr gerne einzuladen. Er lehnt ab. Hinter uns schaut eine Frau auf eine Tafel Dubai-Schockolade im Regal neben uns.
Als wir zurück am Not-Hotel sind verabschieden wir uns von Micha und wünschen ihm eine gute Nacht. „Danke, werde ich haben“ sagt er und schließt die Tür hinter sich. Ein Raum, nur für sich. Warm. Ruhig. Sicher.
Seit drei Jahren bietet Van Bo diese einzigartige Unterkunft an. „Ich brauche nicht viel dafür, eine Parkausweis, einen Platz und hin und wieder ein paar Spender, die das Projekt unterstützen“. Seit 12 Jahren beschäftigt er sich damit, wie wir Raum besser nutzen könnten und welche sozialen Vorteile das bringen könnte. Ob es parkende Autos sind oder Wohnungen. „Wir bauen viel zu groß“ sagt er, das ist ein Problem. Seit ein paar Wochen fördert der Berliner Senat sein Not-Hotel und übermorgen hab ich ein Gespräch über ein größeres Projekt. Van Bo, der auch als Dozent an der Akademie für Illustration und Design arbeitet und dort Azubis ausbildet hat eine Idee. 14 Quadratmeter große Wohnungen für Auszubildende die monatlich warm weniger als 350 Euro Miete kosten sollen. Seriell und schnell gebaut, den Raum optimal nutzen, modular – eine Alternative für junge Menschen, die nicht in ein Studentenwohnheim ziehen können, sich aber kaum Wohnungen in der Hauptstadt leisten können.
Micha ist am nächsten Morgen schon auf dem Sprung, als wir beim Not-Hotel eintreffen. Die Nacht war gut, sagt er. Jetzt müsse er los. Ich biete ihm an, schnell noch einen Kaffee zu holen. Er lehnt ab. Wir geben uns die Hand und verabschieden uns. Mit einem Lächeln dreht er sich um und geht