Glückstag für Deutschland
Letztes Jahr um diese Zeit steckte ich noch tief in den Vorbereitungen für meine Mauerreise. Sie endete am 9. November 2019 natürlich in Berlin am Brandenburger Tor, zur großen Feier „30 Jahre Mauerfall“. Ich war davor eine Woche unterwegs, mit einer tollen Truppe von Kollegen und einem schönen gelben Wartburg Tourist, entlang der alten innerdeutschen Grenze und habe mit vielen interessanten Menschen gesprochen. Daraus entstanden viele Reportagen für RTL, eine kleine Doku für ntv und ein Podcast für Audio Now. Es war eine unfassbar tolle Zeit. Ich habe sehr viel gelernt, nicht nur wie man mit so einem DDR-Oldtimer auf den Brocken hochkommt, und war am Ende vollgeladen mit Informationen und Emotionen. Die Festveranstaltung am Brandenburger Tor als Finale war auch deshalb etwas ganz Besonderes für mich. 30 Jahre Mauerfall, und das an diesem Ort. Menschen mit Tränen in den Augen. Umarmungen. Glückseelige Gesichter überall.
Daran musste ich an diesem Wochenende wieder denken, zum Tag der Deutschen Einheit. Aber es ist irgendwie nicht das Gleiche. Der 9. November, ausgerechnet der Tag der Reichsprogrome, erinnert eben auch an die vielen mutigen Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik, die für Freiheit viel riskiert haben. Der 3. Oktober steht dagegen für die Wiedervereinigung, eine technisch-bürokratische Leistung, die komplex und in allen einzelnen Entscheidungen schwer zu überschauen war. Und er steht für den Prozess der Wiedervereinigung, die von Vize-Kanzler Olaf Scholz als Erfolgsgeschichte bezeichnet wird, von anderen aber auch kritisiert wird. Beim Übergang von der DDR in das System der ehemaligen BRD und damit in unser heutiges Deutschland blieben einige Errungenschaften aus dem Ostteil auf der Strecke. Außerdem fragt man sich an jedem 3. Oktober: Wie weit sind wir gekommen auf dem Weg der Wiedervereinigung? Gibt es noch Ossis und Wessis? Das alles macht den 3. Oktober so viel schwieriger als Feiertag.
Und trotzdem ist er wichtig und ich bin am Samstag doch noch in Feierlaune gekommen. Trotz Corona. Bundespräsident Steinmeier nennt ihn einen Glückstag für Deutschland – so sehe ich das auch. Ich hab mir die Feier in Potsdam angesehen, als Videostream in unserem Kölner Sendezentrum. Mir hat es gut gefallen, dass mit Dietmar Woidke ein ostdeutscher Landesvater, die Eröffnungsrede hielt. „Für uns Ostdeutsche war es ein langer und schwieriger Weg, wir mussten uns neu erfinden“, sagte Woidke und dass die „Zerbrechlichkeit des Glücks zu einer prägenden Erfahrung“ wurde. Und er betonte, dass sich mittlerweile bundesweit durchgesetzt habe, dass man vom Osten viel lernen könne, etwa eine selbstbewusste Frauenpolitik, Betriebskindergärten oder Polykliniken als Gesundheitszentren.
Den besten Satz aber sollten wir uns alle zu Herzen nehmen: „Richtig gut sind wir immer dann, wenn wir zusammen halten.“