Ein Buch den Helden

Eine Woche Überstundenabbau und Homeoffice, dazu viel Zeit mit der Familie und ein Wochenende Zweisamkeit pur – und zack Kolumne vergessen.

Was aber auch daran lag, dass ich am Wochenende in ein Buch gestolpert bin und erst Montagabend wieder rausgefunden habe. „Schockraum“ hat mich auf mehreren Ebenen berührt und angesprochen. Der Autor, Tobias Schlegl, hat vor ein paar Jahren seinen Moderatorenjob hingeworfen und eine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht. Das fand ich damals schon beeindruckend. Ich konnte es nachvollziehen, als ich vergangenes Jahr einmal eine Nachtschicht zwei Sanitäter der Feuerwehr Dortmund begleiten durfte. Für eine Reportage. Aber da ich zu meinem großen Glück einen tollen Kollegen dabei hatte, der sich um Kamerateam und Bilder kümmerte, konnte ich ganz eintauchen. Tief, wie ich fand. Aber natürlich war das nur eine minimale Momentaufnahme. Trotzdem war ich nach anfänglicher Anspannung irgendwann Teil des Teams. Hatte den Rucksack auf der Schulter, Adrenalin im Blut und versucht zu helfen, wo ich durfte und konnte. Es war eine wahnsinnige Erfahrung. Mitten in der Nacht in fast ständiger Anspannung. Eine Welt aufsaugend, die so nah und doch so fern war. Und los, sobald der Alarm ging. Mit Blaulicht durch die Nacht. Und im nächsten Moment im Schlafzimmer einer Familie, im Jugendzimmer eines betrunkenen Teenis, am Sofa einer älteren Frau. Jedes Mal danach das Gefühl geholfen zu haben. Da zu sein. Etwas Gutes zu tun. Ich hatte in dieser Nacht auch das Glück, keinen schlimmen Unfall sehen zu müssen. Alles war relativ harmlos. Und keine Pöbeleien, von der mir Rettungssanitäter Kai auch erzählt hat. Oder davon, ein totes Kleinkind in den Armen halten zu müssen. Ich hab damals wahnsinnig viel mitgenommen. War noch auf dem Heimweg ganz früh morgens euphorisch und dachte: Ja, das wäre auch ein Job. Auch wenn ich mein Leben lang nichts anderes werden wollte als Journalist.

Natürlich haben wir uns damals auch kritisch die Arbeitsbedingungen angesehen, die in Dortmund bei der Feuerwehr deutlich besser waren als etwa in Berlin. Ich fand es damals schon beeindruckend, wie viele Frauen und Männer diesen Job machen, der schon ziemlich anstrengend sein kann. Der aber wahnsinnig wichtig ist für uns alle und den viele erst in Corona-Zeiten wirklich zu schätzen gelernt haben. Das Applaudieren auf den Balkonen, die Forderungen einer breiten Öffentlichkeit nach mehr Gehalt für Pfleger, Krankenschwestern und Rettungssanitäter.

All das hat das Buch von Tobias Schlegl wieder in mein Bewusstsein gerückt. Da er aber im Gegensatz nicht nur eine Nacht lang mit an Bord war, sondern Jahre, kann er natürlich einen ganz anderen Einblick liefern. In eine besondere, wichtige, für viele aber eigentlich doch unbekannte Welt. Denn wer nicht krank ist oder auf Nothilfe angewiesen ist kommt wohl selten in Kontakt mit Rettungssanitätern, mit RTW, RS, RA oder LNA. Wer sich dafür interessiert und gleichzeitig toll unterhalten werden will, der sollte unbedingt „Schockraum“ lesen. Tobias Schlegl erzählt darin die Geschichte von Kim, der nach jahrelangem easy Geld scheffeln bei Werbeagenturen endlich etwas Sinnvolles machen will. Und der dann als Rettungssanitäter an seine Grenzen kommt. Mehr sei nicht verraten. Ein tolles Buch. Mit einem überraschenden Ende und einer tollen Sprache, ach was, einem irren Sound. Und mit wichtigen Songs. Berührend. Augen öffnend. Unbedingt lesenswert, auch wenn man sich noch nicht mit dieser Welt beschäftigt hat, und vielleicht gerade dann. Einfach großartig!

Maik Meuser