Wir schaffen das - nicht!
Jedenfalls nicht so.
Die Lebensmittelverschwendung halbieren in Deutschland – bis 2030, so wie es sich auch der Rest der Welt vorgenommen hat? Ich habe meine Zweifel. Wenn wir so weitermachen in Deutschland wie bisher wird das nix. Eine Politik, die gegenüber den großen Playern der Lebensmittelindustrie kaum Forderungen stellt und die stattdessen vor allem uns Verbraucher ins Visier nimmt, wird nicht viel ändern können. Klar kann jeder Einzelne von uns etwas tun, und sollte es auch, auf jeden Fall! Aber auch die Politik müsste deutlich mehr machen als bisher. Gut, wir haben eine nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung. Das klingt mächtig und gut. Wirklich wirksame Maßnahmen findet man darin aber nicht. Alles beruht auf Freiwilligkeit. Das machen andere Länder anders. In Frankreich ist es Supermärkten seit 2016 verboten, brauchbare Lebensmittel wegzuschmeißen und sind sie stattdessen verpflichtet mit Hilfsorganisationen zusammen zu arbeiten. Seit vergangenem Oktober gibt es ähnliche Auflagen für den Gastronomiebereich. Wer sich nicht dran hält kann bestraft werden! In Deutschland gibt es nicht einmal eine Dokumentationspflicht für die Supermärkte. Keiner muss angeben, was am Ende, nach Spenden doch noch in der Tonne landet. Deshalb macht es natürlich auch keiner. Aber wenn man keine Zahlen hat, wie will man dann die Hälfte reduzieren? Die Hälfte von was? Muss man ja auch nicht, es gibt ja keine verbindlichen Reduktionsziele in der nationalen Vermeidungsstrategie. Aber mal ehrlich: Sind die Zahlen nicht erschreckend genug? Nach Schätzungen werden 230.000 Rinder jedes Jahr in Deutschland geschlachtet, nur um am Ende in der Tonne zu landen. Neben 4 Millionen Schweinen und 46 Millionen Hühnern. Wie kann einen das NICHT wütend machen? 12 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland verschwendet, pro Jahr. Sagt die Bundesregierung. Der WWF schätzt eher 18 Millionen Tonnen. Und wenn man dann noch die Vorernte-Ausfälle dazu rechnet, also beispielsweise Kartoffeln, die wegen ihrer Form nicht im Supermarkt landen, sondern untergeackert werden, oder Äpfel die an den Bäumen hängen bleiben, dann kommt man auf gut 20 Millionen Tonnen schätzt die Organisation Foodsharing. Das sind 20 Milliarden Kilogramm und jede Menge gute Gründe, endlich etwas zu tun.
2012 war der Bundestag noch mutig und wollte die deutsche Lebensmittelverschwendung bis 2020 halbieren. Hat nicht geklappt und man war wahrscheinlich froh und dankbar, dass man sich später mit den europäischen Partnern auf ein gemeinsames Ziel, 2030 einigen konnte. Seitdem haben wir acht Jahre verloren. Und draußen hungern die Menschen. Lasst uns endlich anpacken!
(Diesen Text habe ich für RTL.DE geschrieben, für die Nachhaltigkeitswoche “Verantwortungsvolles Essen”. Über einige Zahlen kann der Leser also schon einmal in diesem Blog gestolpert sein…)